Glossar


Asyl und Abschiebung
Emotionale und affektive Arbeit
Hausarbeit
Kapitalismus
Klassen
Krise
Lohnarbeit
Rassismus
Reproduktion(sarbeit)
Sorgearbeit / Care Work
Staat und Staatsideologie

Asyl und Abschiebung

Der Begriff Asyl meint die Gewährung eines Schutzraumes für Verfolgte. Meist wird von Asyl gesprochen, wenn es um das Asylrecht geht. Menschen, die in ihrem Herkunftsland wegen ihrer politischen Einstellung, ihrer Herkunft, Religion, Ethnie oder aus anderen Gründen verfolgt werden, können in anderen Staaten Asyl beantragen.
Auch Deutschland hat eine gesetzliche Regelung zum Asyl. Nach der Wende entzündete sich eine heftige Debatte um die deutsche „Ausländerpolitik“, die ihren gewalttätigsten Ausdruck 1992/93 in den seit 1945 heftigsten rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen fand. Im Zuge dessen wurde in Deutschland das Asylrecht faktisch abgeschafft. Der Artikel 16 des Grundgesetzes, der allen “politisch Verfolgten” einen Rechtsanspruch auf Asyl eingeräumt hatte, wurde gestrichen und durch den Abschiebe-Artikel 16a ersetzt.
In Deutschland werden seither die meisten Asylanträge abgelehnt und die Geflüchteten abgeschoben. Durch das Asylverfahrensgesetz und das Asylbewerberleistungsgesetz wurde eine rassistische Abschiebepraxis per Gesetz ermöglicht.
Die Situation für Geflüchtete in Deutschland stellt sich folgendermaßen dar: Wenn sie einen Asylantrag stellen, kommen sie zuerst in ein Aufnahmelager. In diesen Sammellagern bleiben sie oft für Jahre. Sie werden entmündigt, schikaniert und menschenverachtend behandelt. Oft dürfen sie sich aufgrund der „Residenzpflicht“ nur in einem bestimmten Landkreis aufhalten. Um sich mit dem Nötigsten zu versorgen erhalten sie in einigen Landkreise kein Bargeld, sondern Gutscheine. Die Abschiebung müssen die Geflüchteten oft selbst bezahlen.
In den letzten 20 Jahren seit Abschaffung des Asylrechts gab es bei der Grenzüberschreitung etwa 6.500 Vorfälle, darunter Selbstmorde, Selbstverletzungen, nicht selbst verschuldete Tode oder Verletzungen durch Beamte.
Gegen dieser Zustände richtet sich die 2012 entstandene Geflüchtetenbewegung. Deutschlandweit und in Österreich errichteten Geflüchtete in Städten Protestcamps und marschierten schließlich nach Berlin um dort ein Camp zu errichten und ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen.

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Emotionale und affektive Arbeit

Emotionale und affektive Arbeit sind immaterielle Arbeiten, d. h. sie produzieren kein konkretes Endprodukt, das man anfassen kann. Sie stellen stattdessen zwischenmenschliche Beziehungen her oder pflegen diese. Statt emotionaler Arbeit oder affektiver Arbeit sagt man auch Beziehungsarbeit. Diese Arbeit besteht also darin z. B. in privaten Beziehungen jemanden zu trösten, Streit zu schlichten oder den Problemen anderer zuzuhören. Auch in der Lohnarbeit gibt es emotionale Arbeit, die oft von Frauen ausgeführt wird, z. B. sollen Frauen dafür sorgen, dass es in der Firma harmonisch zugeht oder alle sich entspannt fühlen.
Affektive Arbeit heißt auch, sich um das körperliche Befinden von anderen zu kümmern, darunter fällt die ganze Spa, Yoga und Wellness-Kultur.

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Hausarbeit

Die Debatten um (Lohn für) Hausarbeit sind aus den feministischen Bewegungen der 1970er Jahre entstanden. Hausarbeit meint Arbeit, die in der Regel von (Haus-)Frauen im Privaten unbezahlt geleistet wird; hierzu zählen z.B. Haushaltsaufgaben wie Putzen, Kochen, Einkaufen, aber auch die Fürsorgearbeit für pflegebedürftige Familienmitglieder wie Kinder, Alte, Kranke etc.

Das zentrale Anliegen der Debatte war es, Hausarbeit als gesellschaftlich notwendige Arbeit anzuerkennen. Damit war letztendlich auch gemeint, die geschlechtliche Arbeitsteilung (also die Trennung von Produktion und Reproduktion) aufzuheben und den Kapitalismus zu überwinden. Im Rahmen der Debatte wurde die strategische Forderung nach „Lohn für Hausarbeit“ formuliert, die auf eine Politisierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung und die Zerstörung der Hausfrauenrolle abzielte. Diese Forderung war sehr umstritten: Einige Feministinnen etwa strebten eine tatsächliche Bezahlung an, um Hausarbeit im Verhältnis zur Lohnarbeit aufzuwerten. Andere argumentierten dagegen, dass mit einer Bezahlung von Hausarbeit die geschlechtliche Arbeitsteilung nur verfestigt und Frauen weiterhin ans Haus gefesselt würden.

In den 1980er Jahren haben die Debatten um die Anerkennung von Hausarbeit an Relevanz verloren. Feministische Auseinandersetzungen mit „Arbeit“ blieben aber weiterhin wichtig. In jüngster Zeit hat sich die Diskussion auf die Problematisierung des Begriffs der Sorgearbeit (Care Work) verschoben.

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Kapitalismus

In einer kapitalistischen Gesellschaft ist die Produktion von Gütern und Dienstleistungen an der Steigerung der Produktion und Produktivität ausgerichtet. Ziel der Produktion ist nicht die Bedürfnisbefriedigung von Menschen, sondern die Steigerung von Profit. Diejenigen, die Kapital besitzen, können dieses Kapital investieren und Waren produzieren, die sie dann gegen Gewinn wieder verkaufen. Dabei lassen sie diejenigen für sich arbeiten, die kein Kapital besitzen und deshalb nichts anderes haben als ihre Arbeitskraft, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Gewinn entsteht dann dadurch, dass den Arbeiter_innen weniger Lohn gezahlt wird, als ihre Arbeit eigentlich wert wäre. Diesen Mehrwert, das heißt die Differenz zwischen tatsächlichem Lohn und eigentlichem Wert der Arbeit, behalten die Kapitaleigner_innen für sich, und erzielen so Profit. Es handelt sich also um ein Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung beruht, und dies auch in einer globalen Perspektive: Denn der moderne Kapitalismus fußt ganz wesentlich auf der Ausbeutung der sogenannten „Entwicklungsländer“. Der Grad der Ausbeutung verschärft sich mit der Zeit, da die Unternehmen im Kapitalismus in Konkurrenz zueinander stehen und sich deshalb bemühen, immer mehr Waren in immer kürzerer Zeit zu produzieren. Die kapitalistische Logik ist dabei nicht nur auf die Organisation der Produktion beschränkt, sondern erfasst auch weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, in dem bspw. die kapitalistischen Grundprinzipien der Zeitdisziplin und des Kosten-Nutzen-Denkens auch das kulturelle Leben und die sozialen Beziehungen bestimmen.

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Klassen

Klassen sind nach der von u.a. Karl Marx verwendeten Definition unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, von denen die einen Eigentum an Produktionsmitteln haben und die anderen nur ihre Arbeitskraft. Die, die Kapital (z.B. Produktionsmittel) besitzen und die, die kein Eigentum haben, stehen aber nicht einfach nebeneinander, sondern befinden sich im Kapitalismus in einem von Ungleichheit, Ausbeutung und von der Herrschaft der einen Klasse (der Bourgeoisie bzw. der Kapitalisten) über die andere (Klasse der Arbeitenden) geprägten Verhältnis. Diese Klassenherrschaft ist deshalb keine in erster Linie persönliche Herrschaft (wie die des Feudalherren über seine Bäuerinnen und Bauern) sondern funktioniert als Herrschaftsverhältnis, ohne dass es auf das Handeln einzelner Personen ankommt. Problematisch am den alten Klassenbegriff ist zunächst einmal, dass in der Regel vor allem Lohnarbeiter_innen gemeint waren. Die Bedeutung der meist unentlohnt geleisteten Reproduktionsarbeit und die Widersprüche und Herrschaftsverhältnisse, die sich hiermit verbinden, wurden völlig vernachlässigt. Es gab darüber hinaus auch berechtigte Kritik an dem sehr formal bestimmten Zusammenhang zwischen Klasse und Kapitalverhältnis. Schließlich ist das Verhältnis von Arbeit und Kapital und der Klassen gar nicht so starr, wie es erscheint. Die Kämpfe von Lohnarbeitenden z.B. haben deren Beziehung zu den Produktionsmitteln bzw. zum Kapital verändert. Auch haben sich die Unterschiede zwischen den Lebensrealitäten und sozialen Situationen der verschiedenen Arbeiter_innen, v.a. global betrachtet, so sehr vergrößert, dass die gemeinsame Identifikation mit der „Klasse“ als „politisches Subjekt“ problematisch ist. Außerdem werden „Klasse“ oder „Klassenunterschiede“ eher an unterschiedlichen Lebensweisen, Bildung, Sprache oder Verhalten festgemacht und haben wenig damit zu tun, ob eine Person lohnarbeitet oder das gar nicht muss. Die Diskriminierung von Menschen aufgrund solcher eher kultureller als ökonomischer „Klassenzugehörigkeit“ wird auch als Klassismus bezeichnet.

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Krise

Spricht man heute im politischen und wirtschaftlichen Sinn von einer Krise ist meistens die seit 2007 andauernde Finanzkrise gemeint. Sie wird als Finanzkrise bezeichnet, weil sie sich auf den Finanzsektor bezieht: Seit den 1970er Jahren wurden zunehmend Kredite an Privatpersonen, aber auch Firmen und Staaten vergeben. Nötig war dies, weil über die Produktion von Waren nicht mehr so viel Gewinn erwirtschaftet werden konnte, dass Investitionen weiterhin möglich waren. Die Kreditvergabe sollte gewährleisten, dass Menschen, Firmen oder Staaten weiterhin zahlungskräftig blieben und gleichzeitig im Finanzsektor über Zinsen Kapital erwirtschaftet werden konnte. Krisenhaft wurde dieses finanzbasierte System, weil die Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden konnten. Die gegenwärtige Krise wurde also nicht durch „irrationale“ oder „auf Gier“ zurückzuführende Fehlentscheidungen Einzelner verursacht, sie scheint vielmehr untrennbar mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verbunden. Denn dieses versucht Investitionsengpässe z.B. durch Kreditvergaben einfach hinauszuschieben. Es kann also immer wieder eine Krise ausbrechen, da kleinere oder größere Krisentendenzen im System angelegt sind.
Keine dieser Krisen hat bisher zum Zusammenbruch des Kapitalismus geführt, sondern vielmehr zu Transformationen in seinem Inneren. Die aktuelle europäische Sparpolitik beschleunigt zum Beispiel bereits zuvor vorhandene Tendenzen zu einem uneingeschränkt freien Markt und den weiteren Abbau des Wohlfahrtsstaates. In diesem Sinne bedeutet die Krise eben viel mehr als nur die Krise von Banken (Finanzkrise). Diese hat schließlich unmittelbar eine Umstrukturierung des Sozialen – in Form z.B. des Abbaus von Sozialleistungen – zur Folge und betrifft damit direkt das Leben der Mehrheit.

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Lohnarbeit

Unter „Lohnarbeit“ verstehen wir diejenige Form von Arbeit, für die Menschen bezahlt werden, also einen Lohn bekommen. Es gibt allerdings noch viele andere Formen von Arbeit, die anders als mit Lohn und Chef_in organisiert sind: zum Beispiel unbezahlte Haus- und Reproduktionsarbeit. Wenn die meisten Menschen von ihrer „Arbeit“ sprechen, meinen sie oft nur ihre Lohnarbeit. Die anderen Formen von Arbeit, die es noch so gibt, bleiben unsichtbar.
Dies kommt daher, dass es im Kapitalismus eine Trennung zwischen Produktion und Reproduktion gibt. In der Produktionssphäre ist Lohnarbeit vorherrschend. Das „Spezielle“ an der Lohnarbeit ist, dass sie einzig dazu dient, Kapital zu akkumulieren, und dass Menschen faktisch dazu gezwungen sind, lohnarbeiten zu gehen, da sie im Kapitalismus ansonsten keine andere Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Arbeiten, die für die Reproduktion wichtig sind, werden meist unbezahlt bzw. sehr schlecht bezahlt und prekär verrichtet und bekommen weniger Anerkennung. Dabei sind Reproduktionsarbeiten für das Funktionieren der Produktion unerlässlich.

Der Begriff Lohnarbeit soll also ausdrücken, dass lohnförmig organisierte Arbeit nur eine Form von Arbeit ist, und nicht „die“ Arbeit. Der Begriff ermöglicht es, andere Arbeitsformen als mindestens ebenso wichtig für eine Gesellschaft anzuerkennen.

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Rassismus

Rassismus bezeichnet nach unserem Verständnis die willkürliche Markierung von Unterschieden mit dem Ziel, bestimmte Personen vom Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen auszuschließen. In der rassistischen Logik wird die vermeintliche soziale und kulturelle „Andersartigkeit“ von Gruppen mit dem Verweis auf ihre „Natur“ begründet, z.B. über Hautfarbe oder Religion. Es wird außerdem angenommen, alle Mitglieder dieser so abgegrenzten Gruppen seien gleich. So wird eine gesellschaftliche Hierarchie legitimiert, die Weißsein als unmarkierte und privilegierte Norm hervorbringt. Diejenigen Personen, die nicht in diese Norm passen, werden unterdrückt und diskriminiert. Rassismus ist weiterhin ein strukturelles Merkmal der deutschen Gesellschaft und ist u.a. deshalb so wirkungsmächtig, da er oftmals als so „normal“ und „selbstverständlich“ betrachtet und auch in die staatlichen Institutionen eingeschrieben ist. Gerade deshalb ist Rassismus nicht ein Problem, das sich ausschließlich an den (rechtsextremen) „Rändern“ der Gesellschaft verorten lässt.

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Reproduktion(sarbeit)

Der Begriff „Reproduktionsarbeit“ stammt von Karl Marx. Marx hat mit seinen Texten die bis heute wichtigste Analyse und Kritik des Kapitalismus geleistet. Er unterschied formal zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit. Marx meinte, im Kapitalismus sei die produktive Arbeit, z.B. in den Fabriken, dazu da Kapital zu vermehren und reproduktive Arbeit (wie z.B. private Hausarbeit
und Sorgearbeit) (nur) dazu da, die menschliche Arbeitskraft, die man für die produktive Arbeit braucht, wiederherzustellen – sie eben zu reproduzieren. Ohne die meist unbezahlt von Frauen* geleistete Reproduktionsarbeit kann der Kapitalismus nicht funktionieren.

Diese Unterscheidung in produktive und unproduktive Arbeit hat u.a. dazu geführt, dass Marxist*innen die gesellschaftlich weniger wertgeschätzte Reproduktionsarbeit (Putzen, Kochen, Kinder betreuen, Kranke pflegen etc.) gegenüber der Arbeit in den Fabriken weiter abwerteten. Die Bedeutung der Reproduktionsarbeit für den Kapitalismus wurde von ihnen unterschätzt. Aus feministischer Perspektive ist der Begriff „Reproduktion“ deshalb widersprüchlich:

Wir benutzen ihn einerseits, um auf die gesellschaftlich wenig ge- und beachtete Reproduktionsarbeit, die meist von Frauen* geleistet und deren ausbeuterischer Charakter übersehen wird, hinzuweisen. Andererseits wollen wir zeigen, wie wichtig die reproduktiven Tätigkeiten für alle Menschen sind. Andere oder sich gegenseitig zu reproduzieren heißt, sich um Bedürfnisse zu kümmern, dafür zu sorgen, dass es uns/ einer anderen Person gut geht. Auch wenn das im Kapitalismus immer darauf hinausläuft, die Arbeitskraft fit zu machen, dient Reproduktion der Bedürfnisbefriedigung.

Wäre es nicht besser, wenn alle Arbeit (z.B. auch in Fabriken) auf Bedürfnisse, anstatt auf Kapitalvermehrung ausgerichtet wird? Das ginge nur, wenn der Kapitalismus abgeschafft wäre. Aber dann bräuchten wir die Unterscheidung von reproduktiver und produktiver sowieso nicht mehr.

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Sorgearbeit / Care Work

Während in den feministisch-marxistischen Debatten der 1970er Jahre die gesellschaftliche Position der Hausfrau und die Funktion von unbezahlter Arbeit im Vordergrund stand, wurde mit der Care-Debatte seit den 1980er Jahren die unbezahlte und bezahlte Haus- und Sorgearbeit in ihrer Gesamtheit in den Blick genommen. Der Care-Begriff umfasst verschiedene Sphären gesellschaftlicher Arbeit: Vom Kochen und Putzen über die Kindererziehung bis hin zur Kranken- und Altenpflege – also bezahlte und unbezahlte, private oder institutionalisierte Arbeit eingeschlossen.

Diese neue Ausrichtung reagierte auf die steigende Berufstätigkeit verheirateter Frauen und die zunehmend erwerbsmäßig organisierte Haus- und Betreuungsarbeit. Bis in die späten 1970er Jahre galt das Einverdiener-Modell als gesellschaftliches Ideal, bei dem die meist männlichen Ernährer einen Familienlohn erhielten. Seither hat sich das Doppelverdiener-Modell durchgesetzt, nach dem alle erwerbsfähigen Personen für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen sollen.

Trotz dieser Veränderung hat sich die geschlechtliche Rollenverteilung hinsichtlich der Haus- und Sorgearbeit jedoch nicht wesentlich verändert. Bis heute sind es überwiegend Frauen, die Care-Tätigkeiten bezahlt oder unbezahlt, privat oder institutionalisiert übernehmen.

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Staat und Staatsideologie

Der Staat ist eine ,allgemeineʽ, d.h. nicht personalisierte, souveräne Ordnung, die sich auf ein bestimmtes Territorium und eine bestimmte Bevölkerung bezieht, über die er Macht ausübt. Diese Macht ist letztlich durch sein Gewaltmonopol, d.h. sein alleiniges Recht Gewalt anzuwenden, begründet. Zugleich ist sie nicht an einem Punkt lokalisierbar, sondern wird durch verschiedene Institutionen wie die Regierung, die Verwaltung, die Polizei, die Armee oder das Gefängnis ausgeübt. Der Staat gewährt seinen Bürger_innen Rechte, verwehrt diese hingegen Menschen, die nicht seine Bürger_innen sind. Darüber hinaus schützt er die im Kapitalismus strukturell einseitige und ungleiche Verteilung des Eigentums an Produktionsmitteln. Weitere Bereiche, die staatlich organisiert und reguliert sind, sind zum Beispiel die Institution der Schule, der Familie oder der gesundheitlichen Versorgung. (Man könnte sie ,ideologischeʽ Institutionen nennen.) In ihrer Funktion für den Staat sichern sie die Reproduktion kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Das heißt, die strukturelle Aufteilung der Schule in ,höherʽ oder ,niedrigerʽ qualifizierende Schultypen mit unterschiedlichen Abschlüssen führt einerseits zur sozialen Segregation und sorgt andererseits dafür, dass jeweils genügend Arbeitskräfte für die unterschiedlichen Segmente des Produktionsprozesses ausgebildet werden. Gleichzeitig werden in den Lehrplänen, aber auch in der Familie, bestimmte Werte und Moralvorstellungen vermittelt, mit denen zukünftige Staatsbürger_innen ausgestattet sein sollen. Regulierende familienpolitische Maßnahmen wie Kindergeld, Betreuungsgeld oder das Bereitstellen von Kita-Plätzen zeigen, dass die traditionelle Institution der Familie dem Staat als besonders schützenswert erscheint. Reproduziert werden dadurch nicht zuletzt die traditionellen Geschlechterrollen, die ja selbst wiederum überhaupt die Grundlage für die Institution Familie bilden. Das heißt, eine relative Ungleichheit von Männern und Frauen ist auch tief in den unterschiedlichen staatlichen Institutionen verankert.

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