He’s a girl. She’s a boy. Oder wie?

Kaum legt die Kinderärztin fest, welchem Geschlecht das Neugeborene zugeordnet wird, da entspringt dem kleinen Wesen gleich sein Naturell: Das Schreien des Jungen wird wild, das des Mädchens eindeutig zaghafter. Der Griff zum blau- bzw. rosa-farbenen Strampler ergibt sich dann automatisch.

Alles Natur? Wohl kaum. Nichts strukturiert unsere Wahrnehmung so sehr wie die Einteilung in Jungen und Mädchen sowie Männer und Frauen. Entsprechend der Zuordnung werden Erwartungen an das Gegenüber gestellt, die sein Verhalten, seine Kleidung, seine Bewegungen, seine Tonlage, etc. umfassen. Und zwar für jedes Lebensalter.

Wohl kaum verändert sich der Schrei des Neugeborenen. Dennoch meinen Umstehende plötzlich etwas Mädchenhaftes heraus zu hören. Statt des Schreis verändert sich wohl eher dessen Wahrnehmung. Und im Anschluss die Erziehung.

Ein Schwank aus meinem Mädchen-Dasein: Meine Eltern wollten geschlechtsspezifisches Spielzeug unterlaufen und schenkten meinem Bruder zu Weihnachten eine Puppe. Aber so einfach lässt sich die Mädchenerziehung nicht ausschalten: Ich hatte die Einteilung nebst ihrer Zuschreibungen bereits verinnerlicht, schrie Protest und entführte die Puppe. Endlich war die Ordnung zurückgewonnen.

Hergestellt wird Geschlechtlichkeit jedoch nicht nur durch Zuschreibungen und Erziehungsvorstellungen, die Kinder mehr oder minder ungebrochen übernehmen.

Das Gegenteil vom Nacktscanner

…ist der Blick, den sich Menschen gegenseitig zuwerfen, um in Sekundenschnelle zu erkennen, ob es sich beim Gegenüber um einen Mann oder eine Frau hält. Weil alle immer schon in weiblich/männlich denken, könne wir auch nur ein „Entweder-Oder“ entdecken. Je nachdem wie unsere Einschätzung ausfällt, richten wir unser Handeln aus. Irritiert sind wir, wenn uns die Zuordnung nicht sofort gelingt oder sich nach einiger Zeit als nicht zutreffend herausstellt. Dabei unterstellen wir der Person mit weiblichem Verhalten, weibliche Geschlechtsmerkmale und andersherum, ohne dass wir sie wie ein Nacktscanner sehen könnten.

Bereits am Verhalten des Gegenübers machen wir die Zuordnung fest. Und inszenieren selbst, was wir glauben zu sein: Männer oder Frauen. Wie wir das machen – wie hoch oder laut unsere Lache, wie breitbeinig oder trippelig unser Gang – ist sehr unterschiedlich und irgendwie Geschmackssache. Wichtig ist in der Regel, dass wir unterscheidbar sind. Damit stellen wir unsere Geschlechtlichkeit aber streng genommen erst her, üben unsere Körper in der Inszenierung bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind.

In die männliche oder weibliche Inszenierung ist die hierarchische Ordnung der Geschlechter eingelassen. Männer haben alles im Griff und Frauen stecken lieber zurück. Frauen managen den Haushalt, Männer die Firma. Frauen reden ständig über Gefühle und Probleme, Männer schweigen und handeln.

Erstens: Sich im Rahmen dieser Möglichkeiten zu bewegen, macht keinen Spaß, sondern engt ein.

Zweitens: Es entspricht auch gar nicht der Realität.

Und doch wirken geschlechtstypische Zuschreibungen als Idealvorstellungen, nach denen sich Männer oder Frauen gesellschaftlich ausrichten. Sie finden Erwähnung und auf groteske Art und Weise Abbildungen in Zeitschriften, Werbungen, Filmen, Büchern und beeinflussen bewusst und unbewusst unser Denken.

Drittens: Die Begründung ‘Das ist aber von Natur aus so’ oder ‘Es liegt in den Genen, Alter!’ zeigen in erster Linie, dass Naturwissenschaften heute als Letztbegründung dienen. Erst seit dem 18. bzw. 19. Jahrhundert wird Wahrheit nicht mehr als von Gott oder dem Feudalherren gegeben betrachtet, sondern im Zuge der Aufklärung sollte die Welt über die Vernunft erklärt werden: Über Kategorien und Gesetze, die angeblich auf die Natur zurückzuführen seien, etablierten weiße Männer eine neue Gesellschaftsordnung: Männer und Frauen seien von Natur so verschieden und ungleichwertig, wie auch die Menschenrassen ungleichwertig seien. Ungleichheit und Herrschaft wurden fortan mit der Unveränderlichkeit der Natur begründet. Zumindest die Rückführung auf die Naturgesetze ist bis heute bestehen geblieben.

Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit waren also nicht schon immer so, wie sie heute sind, sondern haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Auch die Zuordnung von Männern auf das Öffentliche und Frauen auf das Häusliche – Kinder, Küche, Kleider nähen, Schmutz vernichten – ist mit der Durchsetzung des Kapitalismus als Wirtschaftssystem erst entstanden.

Damals sollten Frauen als billige Konkurrentinnen vom Arbeitsmarkt verschwinden und durch ihre unentgeltlich erledigte Arbeit zu Hause ermöglichen, dass ihr Ehemann arbeitsfähig blieb und die Kinder später als Arbeiter_innen zur Verfügung stehen würden. Vorstellungen, die sich bis heute, wenn auch verändert, tapfer gehalten haben und den Anschein erwecken, als sei es schon immer so gewesen.

Und so ist es auch mit der Liebe: Frauen lieben Männer, Männer lieben Frauen. Gekoppelt an ein männliches oder weibliches Verhalten wird ein heterosexuelles Begehren. Das ist und war schon immer so, sagt unser Alltagswissen, und ist so normal, dass wir es nicht erwähnen müssen. Benannt wird immer nur das Nicht-Normale: Die Homosexualität. Sie wird in liberalen Kreisen geduldet, als Aushängeschild für aufgeklärte Demokratie verstanden, aber normal ist sie noch lange nicht. Denn sie widerspricht, so die Begründung aus verschiedenen Perspektiven, der religiösen Überzeugung, der Natur, dem, was man so tut. Vergessen ist längst, dass Heterosexualität sozialgeschichtlich ein recht neues Phänomen ist. Wenngleich die damaligen Zwangsverhältnisse unter dem Regiment von Moral und Ordnung sicher kein schöneres Leben ermöglichten, zeigen sie dennoch, dass Heterosexualität erst in Reaktion auf eine homosexuelle Bewegung entstanden ist.

Warum ist es heute eigentlich nicht egal, wen wir lieben, wenn wir lieben?

Die Revolte ist in mir

Trotz all der geforderten Eindeutigkeiten bleibt Raum für Veränderungen. Das zeigen nicht zuletzt die Angleichungen der geschlechtsspezifischen Erziehungsvorstellungen des letzten Jahrhunderts. Gegen Vorstellungen von Männern und Frauen zu rebellieren und sich anders zu verhalten ist möglich. Das heißt aber nicht, dass es einfach ist. Gesellschaftlich wird sehr schnell und zum Teil auch brutal sanktioniert, was nicht normgerecht ist. Sexualisierte Gewalt gegen und Morde an Transmenschen sind nur die Spitze des Eisbergs. Alltag ist auch: Kinder schließen andere Kinder aus. Jugendliche mobben andere Jugendliche. Erwachsene schneiden und meiden Regelverstöße.

Und trotzdem: Wir sind es, die durch unser Verhalten Normen und Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und der Ausschließlichkeit in der Zuordnung ändern können. Wir sind es, die wir uns nicht mit angeblichen Wahrheiten über die Natur des Menschen abspeisen lassen sollten. Denn uns geht es um eine Abschaffung von Herrschaft jeglicher Art und um ein Leben in größtmöglicher Freiheit.