Wir werden zweigeschlechtlich geboren?

In unserer Gesellschaft ist es eine scheinbar unbestreitbare Tatsache, dass es ein natürliches biologisches Geschlecht gibt: Menschen kommen als „Mann“ oder als „Frau“ zur Welt, was ja auch am unterschiedlichen Aussehen, an den Genitalien und letztendlich an den Chromosomen erkennbar sei – klar. Doch ist das wirklich alles so eindeutig?

Die Biologie war lange Zeit der Meinung, bestimmte Gene auf bestimmten Chromosomen seien dafür verantwortlich, dass Menschen sich entweder zu „Frauen“ oder zu „Männern“ entwickeln.
Schon Anfang des 20. Jahrhunderts rückte ein Chromosom ganz besonders in den Vordergrund: das Y – Chromosom. Ist eins da, entwickeln sich Hoden, ergo haben wir es mit einem „Mann“ zu tun. Wenn nicht, wenn der Chromosomensatz also XX statt XY ist, mit einer „Frau“. Diese Theorie ist auch heute noch weit verbreitet. Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass der Einfluss des Y-Chromosoms auf die Geschlechtsentwicklung nie mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte: Eine Vielzahl an (Tier-)Experimenten brachte stattdessen äußerst widersprüchliche Ergebnisse hervor: mal entwickelten sich Hoden, mal nicht, mal wurde der eine Genabschnitt auf dem Y-Chromosom zu dem entscheidenden Faktor erklärt, mal der andere. Dann wiederum hieß es, die wichtigen Gene lägen auf einem ganz anderen Chromosom – von einer eindeutigen Antwort ist die Wissenschaft weit entfernt. Die Merkmale, die für die verschiedenen Geschlechter jeweils als „typisch“ angesehen werden (Hoden, Penis, Eierstöcke, Brüste, Bartwuchs, aber auch die Fähigkeit zur Fortpflanzung, etc.), sind denn auch von Person zu Person so unterschiedlich ausgeprägt, dass die Unterscheidung von zwei, und nur zwei Geschlechtern angesichts der vielen Kombinationsmöglichkeiten recht willkürlich erscheint. All diejenigen, die nicht in die Norm passen, bekommen die Diagnose „intersexuell“ zu sein. In vielen Fällen müssen sie traumatische Geschlechtsangleichungen direkt nach der Geburt erleiden.
Warum ist es unserer Gesellschaft so wichtig, dass es genau zwei Geschlechter geben muss? Wer bestimmt, was als typisch „weibliches“ Merkmal und was als typisch „männliches“ gilt? Wieso ist Testosteron das „Männlichkeitshormon“, wenn es doch in allen Körpern vorkommt? Wieso wird Bartwuchs bei manchen Personen als unschön, wenn nicht sogar krankhaft angesehen, und bei anderen als Zeichen gesunder „Männlichkeit“

Daran wird klar, dass Wissenschaft umkämpft ist, dass es also nicht einfach eine Wahrheit gibt und dass es manchmal Sinn macht sich zu fragen, warum diese Forschungsergebnisse produziert werden, wem sie nützen und welche Gesellschaft und Herrschaft sie festschreiben, und auch, warum überhaupt bestimmte Fragen gestellt werden und andere nicht.

Auch ein Blick in die Geschichte zeigt, wie sich wissenschaftliche Vorstellungen von Geschlecht verändert haben. Tatsächlich ist die Idee, dass wir es mit einem „Entweder-Oder“ zu tun haben, relativ jung. Im Laufe der Zeit wurde „Geschlecht“ in den jeweiligen Gesellschaften höchst unterschiedlich aufgefasst, beispielsweise sagen z.B. einige Historiker_innen, dass von der Antike bis ins 17. Jahrhundert hinein in Europa ein „Ein-Geschlecht-Modell“ herrschte: „Mann“ und „Frau“ wurden vom Körper her grundsätzlich erst mal als gleich verstanden; das eine oder das andere zu sein war da mehr eine Frage der gesellschaftlichen Stellung, und weniger eine Frage der körperlichen Unterschiede.
Im Feudalismus dagegen wurde das Verhältnis und die ungleiche Stellung von Frauen und Männern anders, z.B. religiös gerechtfertigt.
Erst im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung und der Entstehung bestimmter Wissenschaften, wie z.B. der Biologie, wandelte sich das Verständnis von „Geschlecht“ langsam zu dem, wie wir es heute kennen: Zwei Geschlechter mit unterschiedlichen Körpern und Verhaltensweisen. Herangezogen werden hierzu vermeintlich objektive Erkenntnisse aus der Wissenschaft.

Genau an diesem Punkt setzt die feministische Wissenschaftskritik an: Wissenschaft ist weit davon entfernt, „objektive“ harte Fakten zu produzieren, denn auch Wissenschaftler_innen stehen nicht außerhalb der Gesellschaft. Wissenschaft ist immer interessegeleitet und keineswegs neutral und manchmal findet sie eben auch nur das heraus, was sie finden will. Wir sind der Meinung, dass doch eher die Art und Weise, wie wir zusammen und in dieser Gesellschaft leben wollen, diskutiert werden sollte, und nicht was wir vom Körper her angeblich können und was nicht.

Zum Weiterlesen:
Duma, Veronica / Boos, Tobias (2010): Körpergeschichten: XY ungelöst
Voß, Heinz-Jürgen (2009): Angeboren oder entwickelt? Zur Biologie der Geschlechtsbestimmung.