Basics

Heute so, morgen so? Warum es wichtig ist, bei der Kritik an Geschlechterverhältnissen die Geschichte im Auge zu behalten.

Wenn man heutzutage über Sexismus und Ungleichbehandlung von „Frauen“ und „Männern“ oder z.B. über die schlechtere Entlohnung von „Frauen“ spricht, wird einem häufig vorgehalten, dass es doch im Vergleich zu „früher“ alles schon viel besser geworden sei. Schließlich seien Frauen und Männer heute, zumindest in Deutschland, so gut wie gleichgestellt. Das Problem hierbei ist, dass es mit der Aussage „früher war alles viel schlimmer“ nicht getan ist.

Mit unserer Kampagne wollen wir zeigen: Es ist heute nicht alles in Ordnung oder auf dem besten Wege. Gleichzeitig wollen wir aber auch nicht behaupten, dass es „früher“ besser war. Wir denken, dass Herrschaftsverhältnisse, wie die Herrschaft von Männern über Frauen (Patriarchat) bzw. das ungleiche Machtverhältnis von Männern und Frauen, im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Formen annehmen können. Wie funktioniert Herrschaft heute genau? Allgemein verstehen wir unter Herrschaft ein systematisches, historisch entstandenes und in der Gesellschaft rechtlich und durch Institutionen abgesichertes asymmetrisches Verhältnis, in dem eine einzelne Person, eine Gruppe von Menschen oder sogar die Mehrheit der Menschen, über das Leben und das Verhalten anderer Menschen bestimmen können. Herrschaft bedeutet, dass die einen über die Körper, die Fähigkeiten, das Wissen und die Arbeitskraft der anderen verfügen können und sich die Früchte dieser Arbeit aneignen können. Wie schon gesagt kann Herrschaft sehr unterschiedliche geschichtliche Formen annehmen. Auch war dieses Verhältnis nicht überall auf der Welt oder in verschiedenen sozialen Schichten gleich. Unsere Kritik richtet sich auf die konkreten Mechanismen von Herrschaft im aktuellen Geschlechterverhältnis in Deutschland.

Durch einen Blick in die Geschichte können wir allerdings klarer erkennen, wie Geschlechterherrschaft heute funktioniert. Gleichzeitig können wir sehen, dass das, was heute als „normal“ gilt, nicht von Ewigkeit ist und geändert werden kann. Die Geschichte zeigt, dass Herrschaft häufig in Verbindung mit der Kontrolle über die Mittel zur Produktion und Reproduktion stand, die eine Gesellschaft zum Leben braucht (also Ackerland, Maschinen, Häuser oder Wasser). Diese zu kontrollieren, bedeutet zu bestimmen, wo, wie und für wen Menschen die benötigten Dinge und Lebensmittel produzierten oder auch wer mit wem und wie Kinder zeugen und aufziehen durfte. Denn die Kinder sollten später die Arbeitskräfte, die Soldat*innen, Erb_innen oder auch Thronfolger_innen werden. Im Feudalismus übten die Adligen Kontrolle aus, indem sie über Land verfügten, auf dem Lebensmittel angebaut wurden. Sie konnten damit Herrschaft über die Bauern und Frondienst-Leistenden ausüben. Diese Herrschaft setzte sich auch in kleinem Maßstab fort. In der Familie galt der Mann als Besitzer oder Pächter von Land, als Herr über Frauen und Kinder, Mägde und Knechte, die für ihn arbeiten mussten. Die Kirche stützte diese Ordnung: Sie erklärte dieses soziale Verhältnis der Adligen gegenüber den einfachen Leuten, zwischen Männern, Frauen und Kindern religiös und als gottgewollt. Sie predigte die Ehe und legte besonderen Wert auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität und auf Gehorsamkeit der Frauen gegenüber ihrem Gatten. Schließlich konnte nur so sichergestellt werden, dass der Besitz des Mannes an die eigenen Kinder vererbt wurde.

Mit der Entstehung einer kapitalistischen Wirtschaft und einer entsprechenden Modernisierung der Gesellschaft wurde der Besitz von Produktionsmitteln (wie Fabriken und Maschinen) zu einem Hauptfaktor der Kontrolle über die Produktion. Damit gab es wieder eine Herrschaft von Besitzenden über Besitzlose. In dieser Zeit änderten sich aber noch mehr: Während „Männer“ sog. Bürgerrechte und Rechte auf politische Mitbestimmung erhielten, konnten Frauen diese Rechte in Europa erst im Laufe des 20. Jahrhunderts für sich erkämpfen. In dieser Zeit, also im 18. und 19. Jahrhundert, entstanden eine Reihe neuer Wissenschaften (z.B. Biologie, Soziologie und Psychologie). Andere alte Wissenschaften (wie die Medizin) passten sich sehr schnell an die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse an. Mit dem Verweis auf Wahrheit und Wissenschaftlichkeit wurde die Kirche in ihrer Rolle als Richterin über „richtig“ und „falsch“, zurückgedrängt. Seither rechtfertigte man die Herrschaft und die Ungleichheit in der Gesellschaft nicht mehr mit Gott, sondern damit, dass sie von „Natur aus“ so sei. Natur- und Gesellschaftswissenschaftler dieser Zeit – fast immer Männer – verwendeten ihr Wissen dazu, die Ungleichheit von Männern und Frauen zu behaupten. Angeblich hätten Frauen keine Fähigkeit zu logischem Denken und politischem Handeln. Männer seien dagegen eher rational und weniger gefühlvoll. Deshalb sollte es nicht ihre Aufgabe sein, sich um die Kinder zu kümmern. Mit diesen und ähnlichen Begründungen wurden Frauen aus der politischen Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Frauen sollten idealerweise zu Hause bleiben, die Hausarbeit machen und sich um die Familie kümmern. Die Arbeit der Fabrikarbeiterinnen wurde gegenüber den männlichen Arbeitern als minderwertig eingestuft und wesentlich schlechter bezahlt.

In den vergangenen 200 Jahren wurde mit wechselnder Vehemenz dafür gesorgt, dass Frauen ein gleicher Zugang zu Besitz oder zum Arbeitsmarkt verwehrt blieb. Verschiedene Frauenbewegungen haben gegen diese Ausschlüsse mit mehr oder weniger großem Erfolg gekämpft und diesen Kampf mit der Forderung nach einer besseren Gesellschaft verknüpft. Auch uns geht es nicht nur darum, dass alle gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen, um sich dort ausbeuten zu lassen. Sondern es geht darum, für eine Gesellschaft einzustehen, in der alle gleichberechtigt mitbestimmen können, wer wie viel und woran arbeitet und wie das Erarbeitete verteilt wird.

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Geschlecht ist konstruiert

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